Katholischer Krankenhausverband Deutschlands e.V.

Fachtag gibt Ausblick auf die politische Agenda im neuen Jahr

18.12.2019 – „Praxis-Check Krankenhauspolitik. Welches Krankenhaus hat Zukunft?“, darüber diskutierten am 11. Dezember 2019 die 130 Teilnehmer des kkvd Fachtags in Berlin. Joachim Becker, Abteilungsleiter im Bundesministerium für Gesundheit (BMG), gab im Rahmen der Veranstaltung einen Ausblick auf die im neuen Jahr geplanten Gesetzesinitiativen. Prof. Dr. Boris Augurzky vom RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen sprach sich dafür aus, bei der Reform der Krankenhauslandschaft eher nach Sachsen statt nach Dänemark zu schauen. In engagierten Diskussionen mit den Referenten wurde unter anderem herausgestrichen, dass die politisch gewollte Bildung von Zentren oft an kartellrechtlichen Schranken scheitert. Die Teilnehmer mahnten außerdem an, dass die politisch Verantwortlichen die Umsetzbarkeit ihrer gesetzlichen Vorgaben in der Praxis im Auge behalten müssen.

BMG-Abteilungsleiter Joachim Becker richtete in seinem Vortrag den Blick ins neue Jahr. Das von der Deutschen Krankenhausgesellschaft, dem Deutschen Pflegerat und verdi entwickelte Instrument zur Pflegepersonalbemessung werde das BMG ernsthaft prüfen und gegebenenfalls in die weitere Entwicklung einspeisen. Der Arbeitsentwurf zur Reform der ambulanten Notfallversorgung werde aktuell überarbeitet und voraussichtlich im Januar erneut in die Diskussion gegeben. Es seien Kompromisse notwendig und die ambulanten Notfallstrukturen sollten für alle auskömmlich finanziert sein, so Becker.

Zudem kündigte er an, dass im neuen Jahr ein Gesetzentwurf zur sektorenübergreifenden Versorgung vorgelegt werden soll. Der Entwurf basiere auf den in diesem Jahr erarbeiteten Eckpunkten der Bund-Länder-AG. Es werde damit möglicherweise mehr Aufgaben für Krankenhäuser in der ambulanten Versorgung geben, so Becker. Ein neuer ambulant-stationärer Sektor könne große Chancen für die Kliniken bringen. Außerdem seien 2020 Initiativen zur Qualität in der stationären Versorgung, zum Bürokratieabbau, zur Digitalisierung sowie zur Förderung der stationären Behandlung von Kindern und der Geburtshilfe  geplant.

Prof. Dr. Boris Augurzky, Bereichsleiter Gesundheit beim RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, zeigte auf, dass in den Krankenhäusern sowohl die Fallzahlen als auch die Betriebsergebnisse rückläufig sind. In Zukunft werde es weniger, dafür größere Standorte geben müssen. Die Verbundbildung habe in den vergangenen fünf Jahren deutlich an Dynamik gewonnen, so Augurzky.

Die deutsche Krankenhauslandschaft in dänische Strukturen zu überführen, werde mindestens 80 Milliarden Euro kosten, ohne Berücksichtigung des steigenden Baukostenindexes. Sinnvoller sei, die Entwicklungen in Sachsen zum Vorbild zu nehmen. Für einen solchen Umbau seien 12 Milliarden Euro erforderlich. Augurzky sprach sich für Versorgungs- und Vergütungsmodelle aus, die unternehmerische Freiheit zulassen und weniger Restriktionen beinhalten. Es brauche außerdem mehr Verantwortung für die regionale Ebene und eine Änderung bei den Fusionskontroll-Verfahren.

Michael Steiner vom Gesundheitsdepartement Basel und Thomas Rudin, Direktor der Bethesda Klinik Basel, gaben schließlich Einblicke in das Schweizer Modell der Krankenhausplanung. Das Gutachten zur Krankenhauslandschaft in Nordrhein-Westfalen empfiehlt aktuell, die Krankenhausplanung künftig an diesem Modell zu orientieren.  In den Kantonen Basel Stadt und Basel Land wird eine leistungsorientierte Spitalplanung umgesetzt. Der „Regulator“ schreibt Leistungspakete nach Leistungsgruppen aus, an die jeweils Strukturanforderungen gekoppelt sind. Spitäler können sich bewerben und fehlende Strukturen durch Kooperationen mit anderen Spitälern ausgleichen. Die Verträge mit den Spitälern  werden für vier Jahre geschlossen.

   

Am frühen Nachmittag wurde der kkvd Sozialpreis verliehen. Er stand in diesem Jahr unter dem Motto „katholisch. menschlich. digital.“. Die Schirmherrschaft hatten Staatsministerin Dorothee Bär, Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung, und Caritas-Präsidenten Dr. Peter Neher, der bei der Veranstaltung von Eva Welskop-Deffaa vertreten wurde, übernommen. Stellvertretend für die Jury wirkte Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen, bei der Preisverleihung mit.

In ihrer Einführung betonte Staatsministerin Dorothee Bär, wie wichtig konkrete Digitalisierungsprojekte sind, die wirken und von den Anwenderinnen zuallererst als alltagserleichternd und nützlich und nicht als „Digitalisierungsprojekt“ wahrgenommen werden. So können Zukunftsängste genommen und Vertrauen in moderne Entwicklungen geschaffen werden.

Den kkvd Sozialpreis erhielten in diesem Jahr die Alexianer St. Hedwig Kliniken in Berlin für ihr digitales Demenzprojekt. Mit Hilfe digitaler Anwendungen werden kognitive Einschränkungen schon bei der Aufnahme von Patienten erkannt um im Krankenhaus-Informationssystem (KIS) vermerkt. Demenziell erkrankte Patienten können so während des gesamten Aufenthalts in allen Bereichen des Krankenhauses gezielt betreut werden.

Einen Sonderpreis bekam das unter Federführung des Caritasverbandes im Erzbistum Köln entwickelte Projekt „Let’s guide“. Es handelt sich dabei um eine von gemeinnützigen Leistungserbringern aufgebaute Patientenakte in Form einer App als Alternative zu kommerziellen Angeboten. Das Projektteam wurde außerdem vom Health Innovation Hub des Bundesgesundheitsministeriums zu einem eintägigen Workshop in Berlin eingeladen.

Am Nachmittag wurde die Zukunft der Pflege diskutiert. Andrea Lemke, Vorstandsmitglied des Deutschen Pflegerates, mahnte ein praxistaugliches Bemessungsinstrument für das Pflegepersonal an. Aufgrund eines Auftrags der Konzertierten Aktion Pflege (KAP) entwickeln der Deutsche Pflegerat, die Deutsche Krankenhausgesellschaft und verdi derzeit einen Interims-Vorschlag für ein Pflegepersonalbemessungsverfahren. Dieses soll dem BMG Ende 2019 vorgestellt werden. Noch ist offen, wie das BMG mit dem Vorschlag umgehen wird.

Gerrit Krause legte dar, dass eine Personal- und Pflegestrategie langfristig verfolgt werden muss. Es sei wichtig, den Kurs zu halten, auch wenn Hindernisse, wie ministeriale Verordnungen sich in den Weg stellen. Mit dem Kompetenzstufenmodell der Alexianer wird die Idee lebenslangen Lernens und der persönlichen Weiterentwicklung in die Praxis umgesetzt. Technisch unterstützt wird dies mit einem „Pflegecockpit“, in dem alle relevanten Daten zu Patienten, Personal, Pflegeleistungen und Finanzen zusammengeführt werden.

Zum Abschluss fand ein Dialog mit Pflege-Auszubildenden des EVV St. Joseph-Krankenhauses in Berlin-Tempelhof statt. Sie berichteten, dass sie sich bewusst für eine Ausbildung in der Pflege und gegen ein Medizinstudium entschieden haben. In der Pflege sehen sie mehr Potential, Menschen zu begleiten und ihnen weiterzuhelfen. Während sie die theoretische Ausbildung darin bestätige, vermissten sie in den Praxiseinsätzen ein Setting, dass die Umsetzung des Gelernten ermöglicht. Zurückzuführen sei dies insbesondere darauf, dass pflegeunterstützende Technik fehle. Auch fehlten Strukturen, wie sie aus dem europäischen Ausland bekannt sind, in denen Pflegekräfte Tätigkeiten ausführen, die in Deutschland Ärztinnen und Ärzten vorbehalten sind.

Die Programmübersicht zum Fachtag als Download im PDF-Format

Fotos: Jens Jeske für kkvd